{"id":1030,"date":"2018-12-04T20:09:14","date_gmt":"2018-12-04T19:09:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/?p=1030"},"modified":"2019-11-09T09:34:39","modified_gmt":"2019-11-09T08:34:39","slug":"missbraeuchliche-entlassung-einer-arbeitnehmervertreterin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2018\/12\/04\/missbraeuchliche-entlassung-einer-arbeitnehmervertreterin\/","title":{"rendered":"Missbr\u00e4uchliche Entlassung einer Arbeitnehmervertreterin"},"content":{"rendered":"<p>Immer wieder ist die missbr\u00e4uchliche Entlassung Thema vor den Gerichten. So auch im Entscheid des Bundesgerichts <a href=\"https:\/\/www.bger.ch\/ext\/eurospider\/live\/de\/php\/aza\/http\/index.php?highlight_docid=aza%3A%2F%2Faza:\/\/20-08-2018-4A_375-2018&amp;lang=de&amp;zoom=&amp;type=show_document\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">BGE 4A_375\/2018 vom 20. August 2018.<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Sachverhalt<\/h4>\n<p>Die betroffene Arbeitnehmerin war in einer auf psychische Behinderungen spezialisierten Einrichtung angestellt. Laut einer Mitarbeiterbeurteilung aus dem Jahr 2013 erf\u00fcllte die Arbeitnehmerin die Anforderungen der Arbeitgeberin (&#8222;<em>l&#8217;employ\u00e9e r\u00e9pondait aux exigences de l&#8217;employeuse<\/em>&#8222;).<\/p>\n<p>Die Arbeitnehmerin hatte sich als gewerkschaftliche Vertreterin in einem Konflikt mit der Direktion befunden, weil sie f\u00fcr die Angestellten und sich die Bezahlung von \u00dcberstunden verlangte.<\/p>\n<p>Am 26. Januar 2014 kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen der Arbeitnehmerin und einer Bewohnerin der Einrichtung. Dabei war insbesondere streitig, ob es seits der Arbeitnehmerin Schl\u00e4ge gegeben habe und ob geschrien wurde.\u00a0Die Arbeitnehmerin soll der Bewohnerin mit einer Kartonverpackung auf den Kopf geschlagen haben.<\/p>\n<p>Der Arbeitgeber sprach mit der Bewohnerin \u00fcber den Vorfall, unterliess es aber, mit der Arbeitnehmerin zu sprechen und ihr das rechtliche Geh\u00f6r einzur\u00e4umen. In der Folge wurde die Arbeitnehmerin arbeitsunf\u00e4hig und mit Schreiben vom 23. Februar 2013 entlassen und bis zum Ende der K\u00fcndigungsfrist freigestellt. K\u00fcndigungsgrund sei der Vorfall mit der Bewohnerin der Einrichtung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>K\u00fcndigungsgr\u00fcnde<\/h4>\n<p>Das kantonale Gericht entschied, dass die K\u00fcndigung nichts mit der Auseinandersetzung mit der Heimbewohnerin zu tun hatte, sondern vielmehr mit der gewerkschaftlichen T\u00e4tigkeit der Arbeitnehmerin zu tun hatte. Es sah es als erwiesen an, dass zwei Gr\u00fcnde vorliegen w\u00fcrden, wobei jeder f\u00fcr sich allein die K\u00fcndigung missbr\u00e4uchlich werden l\u00e4sst:<\/p>\n<ul>\n<li>es wurde aufgrund der gewerkschaftlichen T\u00e4tigkeit gek\u00fcndigt (&#8222;<em>D&#8217;une part, l&#8217;employeuse avait invoqu\u00e9 comme motif de cong\u00e9 l&#8217;altercation survenue entre l&#8217;employ\u00e9e et une r\u00e9sidente en date du 26 janvier 2014. Or, tel n&#8217;\u00e9tait pas le motif r\u00e9el du cong\u00e9, la v\u00e9ritable raison du licenciement consistant dans l&#8217;activit\u00e9 syndicale de l&#8217;employ\u00e9e, instigatrice, en sa qualit\u00e9 de repr\u00e9sentante du personnel, de nombreuses revendications qui s&#8217;\u00e9taient r\u00e9v\u00e9l\u00e9es sources de tensions entre les parties en 2013. Le cong\u00e9 \u00e9tait ainsi abusif au sens de l&#8216;<span class=\"artref\">art. 336 al. 2 let. a CO<\/span>.<\/em> &#8222;)<\/li>\n<li>es wurde der Arbeitnehmerin nicht Gelegenheit gegeben, zu den Vorw\u00fcrfen der Bewohnerin der Einrichtung Stellung zu nehmen. Die Arbeitgeberin habe die\u00a0Pers\u00f6nlichkeitsrechte der ehemaligen Angestellten verletzt, indem sie die Arbeitnehmerin nicht in einem Gespr\u00e4ch mit dem vorgeworfenen Sachverhalt konfrontiert habe. (&#8222;<em>D&#8217;autre part, la recourante avait mis un terme au contrat de travail sans faire preuve des \u00e9gards n\u00e9cessaires et en portant atteinte aux droits de la personnalit\u00e9 de l&#8217;intim\u00e9e. En effet, vu l&#8217;importance des accusations formul\u00e9es \u00e0 l&#8217;encontre de l&#8217;employ\u00e9e, il incombait \u00e0 l&#8217;employeuse \u00e0 tout le moins de l&#8217;entendre, voire de confronter les deux protagonistes de l&#8217;altercation, ce qu&#8217;elle n&#8217;avait pas fait. Il \u00e9tait choquant que la recourante ait pris pour argent comptant les dires d&#8217;une r\u00e9sidente, sans que l&#8217;employ\u00e9e ait pu faire valoir sa d\u00e9fense oralement et sans qu&#8217;il soit proc\u00e9d\u00e9 \u00e0 des investigations, alors m\u00eame que l&#8217;altercation s&#8217;\u00e9tait d\u00e9roul\u00e9e dans une pi\u00e8ce commune de l&#8217;institution, que l&#8217;intim\u00e9e \u00e9tait accus\u00e9e de faits graves et se trouvait sous la menace d&#8217;une d\u00e9nonciation \u00e0 la Commission de surveillance des professions de la sant\u00e9 pour des faits de maltraitance<\/em>.&#8220;)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die gegen das kantonale Urteil erhobene Beschwerde der Arbeitgeberin wurde abgewiesen. Somit lag eine missbr\u00e4uchliche Entlassung vor, welche die Arbeitnehmerin zu einer <a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2018\/11\/01\/missbraeuchliche-kuendigung-einer-krankenschwester\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Entsch\u00e4digung<\/a> berechtigte. Die Arbeitnehmerin konnte somit eine solche <a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2018\/07\/31\/geltendmachung-einer-missbraeuchlichen-kuendigung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">geltend machen<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Allgemeines zur missbr\u00e4uchlichen K\u00fcndigung<\/h4>\n<p>Im allgemeinen unterscheidet man die sog. klassische Missbrauchstatbest\u00e4nde von den &#8222;modernen Missbrauchstatbest\u00e4nden&#8220;.<\/p>\n<p>Zu den klassischen Missbrauchstatbest\u00e4nden geh\u00f6ren diejenigen, welche im Gesetz, Art. 336 OR, aufgef\u00fchrt sind.<\/p>\n<p>Durch Art. 336 OR wird das Rechtsmissbrauchsverbot konkretisiert von Art. 2 Abs. 2 ZGB (<a href=\"http:\/\/relevancy.bger.ch\/php\/clir\/http\/index.php?highlight_docid=atf%3A%2F%2F134-III-108%3Ade&amp;lang=de&amp;type=show_document\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">BGE 134 III 108<\/a> E 7.1), womit f\u00fcr eine eigenst\u00e4ndige Anwendung des allgemeinen Rechtsmissbrauchsverbots eigentlich kein Raum bestehen w\u00fcrde (siehe allerdings <a href=\"http:\/\/relevancy.bger.ch\/php\/clir\/http\/index.php?highlight_docid=atf%3A%2F%2F121-III-60%3Ade&amp;lang=de&amp;type=show_document\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">BGE \u00a0121 III 60<\/a>). Somit sind nicht nur die in diesem Artikel aufgelisteten F\u00e4lle missbr\u00e4uchlich. Vielmehr ist Art. 336 OR nicht abschliessend. Somit fallen auch gegen das Rechtsmissbrauchsverbot fallende F\u00e4lle darunter, die eine mit den in Art. 336 OR genannten vergleichbare Schwere aufweisen. Als Beispiele solcher modernen Tatbest\u00e4nde k\u00f6nnen etwa die folgenden genannt werden:<\/p>\n<ul>\n<li>K\u00fcndigungen nach unzureichenden Bem\u00fchungen bei Konflikten<\/li>\n<li>K\u00fcndigungen mit Mobbing-Background (sofern dem <a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2018\/09\/05\/mobbing-im-arbeitsalltag\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mobbing<\/a> &#8211; Opfer aufgrund nachlassender Leistung gek\u00fcndigt wird)<\/li>\n<li>Art und Weise der K\u00fcndigung<\/li>\n<li>K\u00fcndigungen nach Leistungseinbr\u00fcchen nach \u00dcberlastung<\/li>\n<\/ul>\n<p>Durch die Gerichte werden stets neue Missbrauchstatbest\u00e4nde geschaffen. Besondere Aufmerksamkeit erregte in letzter Zeit die sog. Altersk\u00fcndigung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Mehrere K\u00fcndigungsgr\u00fcnde<\/h4>\n<p>Liegen mehrere K\u00fcndigungsgr\u00fcnde vor, ist eine K\u00fcndigung nur dann missbr\u00e4uchlich, wenn der missbr\u00e4uchliche Grund eine <em>conditio sine qua non<\/em> f\u00fcr die K\u00fcndigung darstellt (BGE 130 III 699 E 4.1). Ob eine missbr\u00e4uchlicher und kausaler K\u00fcndigungsgrund vorliegt, ist vom Arbeitnehmer, welcher eine missbr\u00e4uchliche K\u00fcndigung behauptet und aus ihr Rechte ableiten will, substantiiert darzulegen (d.h. zu behaupten) und zu beweisen (Art. 8 ZGB).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Autor: <a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/person\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nicolas Facincani<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder ist die missbr\u00e4uchliche Entlassung Thema vor den Gerichten. So auch im Entscheid des Bundesgerichts BGE 4A_375\/2018 vom 20. August 2018. &nbsp; Sachverhalt Die betroffene Arbeitnehmerin war in einer auf psychische Behinderungen spezialisierten Einrichtung angestellt. 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