{"id":1482,"date":"2019-06-13T00:10:00","date_gmt":"2019-06-12T22:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/?p=1482"},"modified":"2021-01-29T20:28:43","modified_gmt":"2021-01-29T19:28:43","slug":"angestellt-oder-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2019\/06\/13\/angestellt-oder-nicht\/","title":{"rendered":"Angestellt oder nicht?"},"content":{"rendered":"<p>Immer wieder stellt sich, vor allem im Zusammenhang mit sogenannten freien Berufen (\u00c4rzte, Anw\u00e4lte etc.) die Frage, ob eine Person angestellt ist oder nicht (<a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2019\/05\/14\/lausanner-gericht-uber-ist-arbeitgeber-uber-fahrer-sind-arbeitnehmer\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">siehe auch den Beitrag betreffend Uber betreffend die Qualifkationsmerkmale des Arbeitsvertrages<\/a>). Gilt eine Person als Arbeitnehmer, sind die Art. 319 ff. OR anwendbar (K\u00fcndigungsfristen, K\u00fcndigungsschutz, Ferien, Lohnzahlungspflicht, Lohnfortzahlungspflicht etc.).\u00a0Wie bei allen anderen Arbeitsverh\u00e4ltnissen ist letztlich entscheidend, ob eine Eingliederung in eine fremde Arbeitsorganisation vorliegt oder nicht.<\/p>\n<p>Die Abgrenzungsschwierigkeiten sollen anhand zweier k\u00fcrzlich ergangener Bundesgerichtsentscheide dargestellt werden:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><a href=\"https:\/\/www.bger.ch\/ext\/eurospider\/live\/de\/php\/aza\/http\/index.php?highlight_docid=aza%3A%2F%2F21-04-2017-4A_713-2016&amp;lang=de&amp;type=show_document&amp;zoom=YES&amp;\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">BGer 4A_713\/2016 vom 21. April 2017<\/a><\/h3>\n<p>Eine \u00c4rztin war bei einer Aktiengesellschaft als Allgemeinpraktikerin angestellt. Die Praxis wurde in der Folge von einer anderen Aktiengesellschaft \u00fcbernommen, wobei es sich offenbar nicht um einen Share-Deal, sondern um einen Asset-Deal handelte. Im \u00dcbernahmevertrag wurde das zu \u00fcbernehmende Personal aufgef\u00fchrt, wobei bei gewissen \u00c4rzten hinter dem Namen \u00absalari\u00e9\u00bb und bei anderen \u00abind\u00e9pendant\u00bb stand; Letzteres traf auch auf die fragliche \u00c4rztin zu. Die fragliche \u00c4rztin hatte zudem eine eigene Zulassungsnummer und offenbar auch mit einem medizinischen Labor selbst einen Vertrag \u00fcber gewisse Dienstleistungen geschlossen, die ihr entsch\u00e4digt wurden. Als die Arbeitgeberin das Verh\u00e4ltnis mit sofortiger Wirkung aufl\u00f6ste, machte die \u00c4rztin eine ungerechtfertigte fristlose K\u00fcndigung geltend; die Arbeitgeberin stellte sich auf den Standpunkt, es liege gar kein Arbeitsverh\u00e4ltnis, sondern ein Auftrag vor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4><u>Erw\u00e4gungen des Bundesgerichts:<\/u><\/h4>\n<ul>\n<li>sowohl die kantonalen Instanzen wie auch das Bundesgericht folgten dieser Auffassung nicht und nahmen ein Arbeitsverh\u00e4ltnis an;<\/li>\n<li>das Bundesgericht hielt ausdr\u00fccklich fest, der Umstand, dass keine Sozialabgaben auf dem Entgelt bezahlt worden seien, k\u00f6nne als Hinweis auf eine unabh\u00e4ngige Stellung angesehen werden, sei aber nicht entscheidend (E. 4.2).<\/li>\n<li>die Bezeichung der Parteien sei nicht entscheidend <em>(On peut donner acte \u00e0 la recourante que les crit\u00e8res formels tels que l&#8217;intitul\u00e9 d&#8217;un contrat ou les d\u00e9clarations des parties ne sont pas d\u00e9terminants)<\/em>.<\/li>\n<li>es kommt auf die gelebte Wirklichkeit an \u2013 wer hat Weisungsrecht, wie ist die Integration.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h3><a href=\"https:\/\/www.bger.ch\/ext\/eurospider\/live\/de\/php\/aza\/http\/index.php?highlight_docid=aza%3A%2F%2F19-07-2017-4A_10-2017&amp;lang=de&amp;type=show_document&amp;zoom=YES&amp;\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">BGer 4A_10\/2017 vom 19. Juli 2017<\/a><\/h3>\n<p>Baugesch\u00e4ft B. SA mit Sitz im Kanton GE wurde durch L. und A. gegr\u00fcndet.\u00a0L. hielt 51% der Aktien, und war Pr\u00e4sident des Verwaltungsrates mit mit Einzelunterschrift, A. hielt 49% der Aktien, und war Verwaltungsratsmitglied mit Einzelunterschrift. A erhielt einen Lohn und Sozialversicherungsbeitr\u00e4ge wurden jeweils abgezogen. Am 4. Juli 2014 informierte die B. SA den A., dass dessen Aktivit\u00e4t als Arbeitnehmer per 31. August 2014 enden w\u00fcrde. Dieser hingegen klagte auf Lohn bis zum mutmasslichen gesetzl. K\u00fcndigungstermin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><u>Erw\u00e4gungen des BGer:\u00a0<\/u><\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>die haupts\u00e4chliche Frage ist, wann zwischen einer AG und ihren Organen ein Arbeitsverh\u00e4ltnis zustande komme.<\/li>\n<li>der Arbeitsvertrag unterscheide sich von anderen Dienstleistungsvertr\u00e4gen (insb. Auftrag) durch Subordinationsverh\u00e4ltnis (E. 3.1); Der Arbeitnehmer sei der \u00dcberwachung und den Weisungen des Arbeitgebers ausgesetzt.<\/li>\n<li>die Rechtsbeziehung zwischen jur. Person und Organen k\u00f6nne gesellschafts- und vertragsrechtlicher Doppelnatur sein; es g\u00e4be die Tendenz, dass Gesch\u00e4ftsleitungsmittglieder-Mitglieder durch Arbeitsvertrag und VR-Mitglieder durch Auftrag oder Vertrag sui generis gebunden seien (E. 3.1).<\/li>\n<li>f\u00fcr den konkreten Fall: Der Minderheitsaktion\u00e4r A. sei nicht unter Weisungsgewalt des Mehrheitsaktion\u00e4rs L. gestanden, d.h. er sei bei Gestaltung seiner T\u00e4tigkeit (u.a. Ferienbezug) frei gewesen, daher habe kein Arbeitsvertrag bestanden (E. 3.2).\u00a0Massgebend sei in jedem Fall die gelebte Wirklichkeit, nicht der Vertragstext.<\/li>\n<li>das\u00a0Bundesgericht hielt fest, dass von einem Arbeitsvertrag keine Rede sein k\u00f6nne, wenn zwischen der juristischen Person und ihrem Organ wirtschaftliche Identit\u00e4t bestehe.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Weitere Beitr\u00e4ge zur Qualifikation von Vertr\u00e4gen:<\/h3>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2019\/06\/13\/angestellt-oder-nicht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Angestellt oder nicht?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2019\/06\/21\/der-ceo-ohne-arbeitsvertrag\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der CEO ohne Arbeitsvertrag<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2019\/10\/13\/unterrichtsvertrag-oderarbeitsvertrag\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Unterrichtsvertrag oder Arbeitsvertrag?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2019\/12\/21\/beratungsvertrag-mit-einmann-ag-als-arbeitsverhaeltnis\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eBeratungsvertrag\u201c mit Einmann-AG als Arbeitsverh\u00e4ltnis<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2019\/10\/13\/unterrichtsvertrag-oderarbeitsvertrag\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Unterrichtsvertrag oder Arbeitsvertrag?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2020\/09\/16\/abgrenzung-des-arbeitsvertrages-vom-auftrag\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Abgrenzung des\u00a0Arbeitsvertrages vom Auftrag<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Autor: <a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/person\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nicolas Facincani<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder stellt sich, vor allem im Zusammenhang mit sogenannten freien Berufen (\u00c4rzte, Anw\u00e4lte etc.) die Frage, ob eine Person angestellt ist oder nicht (siehe auch den Beitrag betreffend Uber betreffend die Qualifkationsmerkmale des Arbeitsvertrages). 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