{"id":3573,"date":"2022-05-10T17:14:49","date_gmt":"2022-05-10T15:14:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/?p=3573"},"modified":"2022-05-10T17:14:49","modified_gmt":"2022-05-10T15:14:49","slug":"vorliegen-eines-faktischen-arbeitsverhaeltnisses","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2022\/05\/10\/vorliegen-eines-faktischen-arbeitsverhaeltnisses\/","title":{"rendered":"Vorliegen eines faktischen Arbeitsverh\u00e4ltnisses"},"content":{"rendered":"<p>Art. 320 Abs. 3 OR lautet wie folgt: &#8222;L<em>eistet der Arbeitnehmer in gutem Glauben Arbeit im Dienste des Arbeitgebers auf Grund eines Arbeitsvertrages, der sich nachtr\u00e4glich als ung\u00fcltig erweist, so haben beide Parteien die Pflichten aus dem Arbeitsverh\u00e4ltnis in gleicher Weise wie aus g\u00fcltigem Vertrag zu erf\u00fcllen, bis dieses wegen Ung\u00fcltigkeit des Vertrages vom einen oder andern aufgehoben wird.<\/em>&#8220;<\/p>\n<p>Das Bundesgericht hat sich in einem k\u00fcrzlich publizierten Entscheid zu dieser Bestimmung ge\u00e4ussert (vgl. zum Ganzen auch <a href=\"https:\/\/www.exlibris.ch\/de\/buecher-buch\/deutschsprachige-buecher\/boris-etter\/arbeitsvertrag\/id\/9783727235108\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dominik Probst, in: Etter\/Facincani\/Sutter, Arbeitsvertrag, Art. 320 N 58 ff.<\/a>).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><a href=\"https:\/\/www.bger.ch\/ext\/eurospider\/live\/de\/php\/aza\/http\/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_similar_documents&amp;page=10&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;docid=aza%3A%2F%2F20-05-2016-4A_478-2015&amp;rank=92&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=aza%3A%2F%2F04-03-2022-4A_488-2021&amp;number_of_ranks=11287\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>BGer 4A_488\/2021 vom 4. M\u00e4rz 2021, Sachverhalt<\/strong><\/a><\/h3>\n<p>Hintergrund des Entscheides war ein zwischen der Aktiengesellschaft Z. AG und dem Verwaltungsrat A. geschlossener &#8222;Arbeits- und Mandatsvertrag&#8220;. Bei Vertragsschluss bestand der Verwaltungsrat nur aus den zwei Mitgliedern A. und B., obwohl die Statuten der Gesellschaft mindestens drei Mitglieder vorsahen. A. und B. verf\u00fcgten \u00fcber Kollektivunterschrift zu zweien. Die Gesch\u00e4ftsleitung war an den CEO D. delegiert. An der Verwaltungsratssitzung vom 23. Juli 2010, an welcher auch D. anwesend war, wurde D. ein Zeichnungsrecht ausschliesslich in Bezug auf die Unterzeichnung des Arbeits- und Mandatsvertrages zwischen der Z. AG und dem Verwaltungsrat A. gew\u00e4hrt. Der Vertrag wurde in der Folge von Verwaltungsrat A. und f\u00fcr die Gesellschaft von B. und D. unterschrieben. Am 6. September 2001 wurden sieben Verwaltungsratsmitglieder gew\u00e4hlt, so dass der Verwaltungsrat ab dann aus neun Mitgliedern bestand. Am 29. September 2001 k\u00fcndigte die Z. AG den Vertrag mit A. mit sofortiger Wirkung, sofern er g\u00fcltig war. In der Folge klagte A. gegen die Aktiengesellschaft Z. und machte diverse geldwerte Forderungen aus dem Arbeits- und Mandatsvertrag geltend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Ung\u00fcltigkeit des Arbeits- und Mandatsvertrages<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Ein Kernpunkt des Rechtsstreites betraf in der Folge die Frage, ob der abgeschlossene Arbeits- und Mandatsvertrag zwischen der Z. AG und dem Verwaltungsrat A. g\u00fcltig war.<\/p>\n<p>Das Bundesgericht ging zun\u00e4chst darauf ein, dass das Schweizer Recht zum Selbstkontrahieren, bei dem ein und dieselbe Person in zweifacher Weise an einem Rechtsgesch\u00e4ft beteiligt ist, einerseits auf eigene Rechnung, andererseits als Vertreter eines anderen, keine Regelung enthalte. Diese Figur berge wie die Doppelvertretung die Gefahr von Interessenkonflikten. Das Bundesgericht habe diese Art von Vertr\u00e4gen seit langem als unzul\u00e4ssig und damit ung\u00fcltig beurteilt, mit zwei Ausnahmen, namentlich wenn die Gefahr einer Benachteiligung des Vertretenen nach der Natur des Gesch\u00e4ftes ausgeschlossen sei oder der Vertretene den Vertreter zum Vertragsabschluss mit sich selbst besonders erm\u00e4chtigt bzw. das Gesch\u00e4ft nachtr\u00e4glich genehmigt habe. Dies gelte auch f\u00fcr die gesetzliche Vertretung juristischer Personen durch ihre Organe. \u00a0Auch in diesem Fall bed\u00fcrfe es einer besonderen Erm\u00e4chtigung oder einer nachtr\u00e4glichen Genehmigung durch ein \u00fcber- oder nebengeordnetes Organ, wenn die Gefahr einer Benachteiligung bestehe (Erw. 5.3.2.)<\/p>\n<p>Das Bundesgericht ging auf die vorliegende Konstellation und die W\u00fcrdigung der Vorinstanz ein, die im Vorgehen, D. ein Zeichnungsrecht f\u00fcr die Unterzeichnung des Arbeits- und Mandatsvertrages zu gew\u00e4hren, eine Konstruktion erblickte, die das Verbot, einen Vertrag mit sich selbst abzuschliessen, umgehe:<\/p>\n<p><em>5.4.: <\/em><em>In casu, le recourant (A.), nomm\u00e9 pr\u00e9sident du conseil d&#8217;administration par interim, et l&#8217;autre<\/em> <em>administrateur restant (B.) se sont accord\u00e9s sur un &#8222;contrat de travail et de mandat&#8220; conf\u00e9rant au<\/em> <em>premier une r\u00e9mun\u00e9ration mensuelle pour son &#8222;travail&#8220; ainsi qu&#8217;une indemnisation pour son activit\u00e9<\/em> <em>d&#8217;administrateur. Le recourant \u00e9tait bel et bien pris en tenailles entre ses propres int\u00e9r\u00eats et ceux de la<\/em> <em>soci\u00e9t\u00e9: tandis que celle-ci devait veiller \u00e0 ses finances et opter pour une r\u00e9mun\u00e9ration raisonnable et<\/em> <em>appropri\u00e9e, celui-l\u00e0 avait tout avantage \u00e0 obtenir un tel contrat et la r\u00e9mun\u00e9ration la plus \u00e9lev\u00e9e possible.<\/em><\/p>\n<p><em>Ce dilemme n&#8217;a du reste pas \u00e9chapp\u00e9 aux diff\u00e9rents protagonistes qui se sont attach\u00e9s \u00e0 contourner l&#8217;\u00e9cueil: le recourant et B. ont conf\u00e9r\u00e9 au directeur D. le pouvoir sp\u00e9cial de signer le contrat aux c\u00f4t\u00e9s de B. pour le compte de la soci\u00e9t\u00e9, tandis que le recourant se bornait \u00e0 signer le contrat en son nom propre.<\/em><\/p>\n<p><em>Les juges cantonaux y ont vu un montage \u00e9ludant l&#8217;interdiction de conclure un contrat avec soi-m\u00eame et ont constat\u00e9 la nullit\u00e9 du contrat litigieux.<\/em><\/p>\n<p><em>[\u2026]<\/em><\/p>\n<p>Sodann best\u00e4tigte das Bundesgericht die Nichtigkeit des Arbeits- und Mandatsvertrages:<\/p>\n<p><em>5.4.: [\u2026] <\/em><em>il suffit de constater que le directeur n&#8217;avait pas le rang et<\/em> <em>l&#8217;ind\u00e9pendance n\u00e9cessaires pour repr\u00e9senter la soci\u00e9t\u00e9 en lieu et place de A<\/em><em>.<\/em><em> dans l&#8217;affaire<\/em> <em>litigieuse<\/em>. [\u2026]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Art. 320 Abs. 3 OR<\/strong><\/h3>\n<p>In der Folge ging das Bundesgericht darauf ein, ob die Vorinstanz die Vereinbarung vom 23. Juli 2010 zu Recht nicht unter Art. 320 Abs. 3 subsumierte.<\/p>\n<p>Das Bundesgericht f\u00fchrte aus, dass Art. 320 Abs. 3 OR nach der Lehre insbesondere auf F\u00e4lle anwendbar sei, in welchen beispielsweise der Arbeitnehmer handlungsunf\u00e4hig sei oder der Vertrag arbeitgeberseitig von einer Person unterzeichnet werde, die \u00fcber keine entsprechende Bevollm\u00e4chtigung verf\u00fcge. Art. 320 Abs. 3 OR setze den guten Glauben des Arbeitnehmers voraus. Das Bundesgericht sei der Ansicht, dass Art. 3 Abs. 2 ZGB nicht anwendbar sei. Ein Arbeitnehmer k\u00f6nne sich nur dann nicht auf Art. 320 Abs. 3 OR berufen, wenn ihm positiv nachgewiesen werden k\u00f6nne, dass er um die rechtliche Unverbindlichkeit des Vertrages gewusst habe (BGE 132 III 242, E. 4.2.5) (Erw. 6.2.).<\/p>\n<p>Das Bundesgericht f\u00fchrte weiter aus, dass die Vorinstanz ohne Willk\u00fcr bzw. Verletzung von Bundesrecht zum Schluss habe gelangen k\u00f6nnen, dass sich der Beschwerdef\u00fchrer (Arbeitnehmer) der M\u00f6glichkeit bewusst war, dass der geschlossene Vertrag ung\u00fcltig sein k\u00f6nnte und dass er eine solche Annahme f\u00fcr den Fall, dass sie sich bewahrheiten sollte, akzeptiert hatte:<\/p>\n<p>6.3.2.: <em>[\u2026] Cela \u00e9tant, les circonstances entourant le stratag\u00e8me consistant \u00e0 donner \u00e0 un directeur subordonn\u00e9 le pouvoir sp\u00e9cial de signer un contrat de travail au nom de la soci\u00e9t\u00e9 permet d&#8217;inf\u00e9rer sans arbitraire, respectivement sans violer le droit f\u00e9d\u00e9ral, que le recourant avait conscience de la\u00a0possibilit\u00e9\u00a0qu&#8217;un tel contrat ne f\u00fbt pas valable, et avait accept\u00e9 une telle hypoth\u00e8se pour le cas o\u00f9 elle serait av\u00e9r\u00e9e. \u00a0<\/em><\/p>\n<p>Das Bundesgericht kam somit zum Schluss, dass Art. 320 Abs. 3 im vorliegenden Fall nicht anwendbar sei:<\/p>\n<p><em>6.4.: <\/em><em>Au vu de ce qui pr\u00e9c\u00e8de, il n&#8217;est pas n\u00e9cessaire de qualifier le contrat litigieux puisqu&#8217;un autre motif<\/em> <em>conduit d\u00e9j\u00e0 \u00e0 \u00e9carter l&#8217;art. 320 al. 3 CO. Au surplus, les autres pr\u00e9tentions d\u00e9duites du pr\u00e9tendu contrat de<\/em> <em>travail pr\u00e9supposent la validit\u00e9 de l&#8217;accord, pr\u00e9misse non r\u00e9alis\u00e9e en l&#8217;esp\u00e8ce.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Autor:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/person\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nicolas Facincani\u00a0<\/a>\/ Stephanie Villiger<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Weitere umfassende Informationen zum Arbeitsrecht finden sie\u00a0<a href=\"https:\/\/www.exlibris.ch\/de\/buecher-buch\/deutschsprachige-buecher\/boris-etter\/arbeitsvertrag\/id\/9783727235108\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>hier<\/strong><\/a>.<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Art. 320 Abs. 3 OR lautet wie folgt: &#8222;Leistet der Arbeitnehmer in gutem Glauben Arbeit im Dienste des Arbeitgebers auf Grund eines Arbeitsvertrages, der sich nachtr\u00e4glich als ung\u00fcltig erweist, so haben beide Parteien die Pflichten aus dem Arbeitsverh\u00e4ltnis in gleicher Weise wie aus g\u00fcltigem Vertrag zu erf\u00fcllen, bis dieses wegen Ung\u00fcltigkeit des Vertrages vom einen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1223,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3573","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-unkategorisiert"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3573","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3573"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3573\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3574,"href":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3573\/revisions\/3574"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1223"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3573"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3573"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3573"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}