{"id":4231,"date":"2023-12-14T20:47:51","date_gmt":"2023-12-14T19:47:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/?p=4231"},"modified":"2023-12-15T18:30:24","modified_gmt":"2023-12-15T17:30:24","slug":"qualifikation-des-vertrages-fuer-honorarbezueger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2023\/12\/14\/qualifikation-des-vertrages-fuer-honorarbezueger\/","title":{"rendered":"Qualifikation des Vertrages f\u00fcr Honorarbez\u00fcger"},"content":{"rendered":"<p>Vertrag f\u00fcr Honorarbez\u00fcger<\/p>\n<p>Die rechtliche\u00a0<em>Qualifikation eines Vertrages ist eine Rechtsfrage<\/em>\u00a0(BGE 131 III 217, Erw\u00e4gung 3, S. 219). Das Gericht bestimmt die Art der Vereinbarung frei auf der Grundlage der objektiven Vertragsgestaltung, ohne an die gleiche einheitliche Qualifikation der Parteien gebunden zu sein (BGE 129 III 664 Erw\u00e4gung 3.1, S. 667; BGE 84 II 493, Erw\u00e4gung 2, S. 496).<\/p>\n<p>Das Bundesgericht hatte sich im Entscheid <a href=\"https:\/\/www.bger.ch\/ext\/eurospider\/live\/de\/php\/aza\/http\/index.php?lang=de&amp;type=highlight_simple_query&amp;page=2&amp;from_date=21.03.2023&amp;to_date=08.11.2023&amp;sort=relevance&amp;subcollection_mI4=on&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=any&amp;query_words=&amp;rank=18&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=aza%3A%2F%2F06-07-2023-8C_573-2022&amp;number_of_ranks=44\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">BGer 8C_573\/2022 vom 6. Juni 2023<\/a> mit der Qualifikation eines zwischen einem Arzt und der Logistikbasis der Armee abgeschlossenen Vertrag auseinanderzusetzen und diesen Vertrag zu qualifizieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Sachverhalt<\/h3>\n<p>Dr. med. A. schloss am 1. Mai 2015 mit der Logistikbasis der Armee (LBA), Bereich Sanit\u00e4t, einen Vertrag f\u00fcr Honorarbez\u00fcger (Contrat pour les b\u00e9n\u00e9ficiaires d&#8217;honoraires) f\u00fcr den Zeitraum vom 1. Mai 2015 bis 31. Dezember 2015 betreffend Arzt UCR (Untersuchungskommission Rekrutierung) ab. Am 10. Dezember 2015 verl\u00e4ngerten die Parteien das Vertragsverh\u00e4ltnis vom 1. Januar 2016 bis 31. Dezember 2019. Gegenstand des als &#8222;Auftrag&#8220; bezeichneten Vertrags vom 10. Dezember 2015 war das Erbringen von medizinischen Leistungen ausserhalb der Praxis in den Rekrutierungszentren. Danach konnte der Arbeitseinsatz auch kurzfristig und auf Abruf erfolgen. Termin und Ort f\u00fcr die Leistungserbringung bestimmten sich nach dem Bedarf der LBA. F\u00fcr die im Rekrutierungszentrum aufgewendete Zeit vereinbarten die Parteien ein Honorar von Fr. 201.60 brutto pro Stunde (28 Taxpunkte \u00e0 je Fr. 7.20; einschliesslich s\u00e4mtlicher Spesen und anderweitiger Aufwendungen) sowie ein Kostendach von Fr. 240&#8217;000.-, das mit Nachtrag vom 18. November 2013 um weitere Fr. 150&#8217;000.- erh\u00f6ht wurde. Per 1. Januar 2018 wurde die Sanit\u00e4t neu dem Armeestab (A Stab) unterstellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Entscheid der Vorinstanz<\/h3>\n<p>Das dem Streit zugrunde liegende, zwischen den Parteien mit dem &#8222;Vertrag f\u00fcr Honorarbez\u00fcger&#8220; vom 10. Dezember 2015 begr\u00fcndete, Rechtsverh\u00e4ltnis qualifizierte die Vorinstanz in ihrem rechtskr\u00e4ftigen Urteil vom 16. M\u00e4rz 2020 als Arbeitsverh\u00e4ltnis, das vom 1. Januar 2016 bis 31. Dezember 2019 gedauert hatte (Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 24. August 2022 (A-3122\/2021)). Ob von einem g\u00fcltigen Arbeitsvertrag nach Bundespersonalrecht auszugehen ist, beurteilte die Vorinstanz weder im angefochtenen Urteil noch nahm sie im Urteil vom 16. M\u00e4rz 2020 eine weitergehende Vertragsauslegung vor (vgl. BGE 143 II 297 E. 6.4.1; 131 III 217 E. 3; 129 III 664 E. 3.1).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Arbeitsvertrag auf Abruf<\/h3>\n<p>Nach dem relevanten Sachverhalt musste sich der der Arzt sich nicht f\u00fcr Eins\u00e4tze nach einseitigem Abruf durch den Vertragspartner bereithalten, da ihm die geplanten Eins\u00e4tze vielmehr Anfang des jeweiligen Jahres mitgeteilt wurden. Auch wenn der Arzt an diese Einsatzzeiten in grunds\u00e4tzlicher Hinsicht gebunden war, kann nicht angenommen werden, dass er zu den Arbeitseins\u00e4tzen einseitig verpflichtet war, ohne dass auf seine Verf\u00fcgbarkeit und W\u00fcnsche, soweit m\u00f6glich, R\u00fccksicht genommen worden w\u00e4re. Damit liegt gem\u00e4ss Bundesgericht eine Vereinbarung \u00fcber unechte Arbeit auf Abruf vor, weshalb weder Bereitschaftsdienst zu entsch\u00e4digen w\u00e4re, noch der Arbeitgeber in Annahmeverzug geraten kann.<\/p>\n<p>Das Bundesgericht nutzte die Gelegenheit, um die verschiedenen Arten der Arbeit auf Abruf kurz darzustellen:<\/p>\n<p><em>5.3.2.2. Bei echter Arbeit auf Abruf kann die Arbeitgeberin den Arbeitnehmer einseitig abrufen, wobei dieser einsatzpflichtig ist (BGE 124 III 249 E. 3; Urteile 4A_334\/2017 vom 4. Oktober 2017 E. 2.2; 4A_509\/2009 vom 7. Januar 2009 E. 2.3 mit weiteren Hinweisen). Bei der unechten Arbeit auf Abruf trifft den Arbeitnehmer keine Einsatzpflicht. Er hat vielmehr ein Ablehnungsrecht, denn ein Einsatz kommt jeweils durch gegenseitige Vereinbarung zustande (SVR 2022 UV Nr. 38 S. 150, 8C_587\/2021 E. 4.3.3.1; Urteile 4A_334\/2017 vom 4. Oktober 2017 E. 2.2; 4A_94\/2009 vom 7. Januar 2010 E. 2.3). W\u00e4hrend die Arbeitgeberin bei der unechten Arbeit auf Abruf keine Pflicht zur Besch\u00e4ftigung trifft und sie grunds\u00e4tzlich nicht in Annahmeverzug geraten kann, ist bei der echten Arbeit auf Abruf Gegenteiliges der Fall. Hier verletzt sie den Arbeitsvertrag, wenn sie keine Arbeit bereit stellt, und ger\u00e4t in Annahmeverzug, wenn sie auf ein Einsatzangebot des Arbeitnehmers verzichtet (vgl. SVR 2022 UV Nr. 38 S. 150, 8C_587\/2021 E. 4.3.3.1 mit Hinweisen; Urteil 4A_509\/2009 vom 7. Januar 2010 E. 2.3).<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Weitere Beitr\u00e4ge zur Qualifikation von Vertr\u00e4gen:<\/h3>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2019\/06\/13\/angestellt-oder-nicht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Angestellt oder nicht?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2019\/06\/21\/der-ceo-ohne-arbeitsvertrag\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der CEO ohne Arbeitsvertrag<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2019\/10\/13\/unterrichtsvertrag-oderarbeitsvertrag\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Unterrichtsvertrag oder Arbeitsvertrag?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2019\/12\/21\/beratungsvertrag-mit-einmann-ag-als-arbeitsverhaeltnis\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eBeratungsvertrag\u201c mit Einmann-AG als Arbeitsverh\u00e4ltnis<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2019\/10\/13\/unterrichtsvertrag-oderarbeitsvertrag\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Unterrichtsvertrag oder Arbeitsvertrag?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2020\/09\/16\/abgrenzung-des-arbeitsvertrages-vom-auftrag\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Abgrenzung des\u00a0Arbeitsvertrages vom Auftrag<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2021\/01\/30\/arbeitsvertrag-oder-nicht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Arbeitsvertrag oder nicht?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2022\/01\/06\/sozialversicherungsgericht-zuerich-uber-fahrer-sind-unselbstaendige\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sozialversicherungsgericht Z\u00fcrich: Uber-Fahrer sind Unselbst\u00e4ndige<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2022\/03\/18\/qualifikationsmerkmale-des-arbeitsvertrags\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Qualifikationsmerkmale des Arbeitsvertrages<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Autor:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/person\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nicolas Facincani<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Weitere umfassende Informationen zum Arbeitsrecht finden Sie\u00a0<a href=\"https:\/\/www.exlibris.ch\/de\/buecher-buch\/deutschsprachige-buecher\/boris-etter\/arbeitsvertrag\/id\/9783727235108\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>hier<\/strong><\/a>.<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Umfassende Informationen zum Gleichstellungsrecht finden Sie\u00a0<a href=\"https:\/\/www.exlibris.ch\/de\/buecher-buch\/deutschsprachige-buecher\/gleichstellungsgesetz-glg\/id\/9783727222047\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>hier<\/strong><\/a>.<\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vertrag f\u00fcr Honorarbez\u00fcger Die rechtliche\u00a0Qualifikation eines Vertrages ist eine Rechtsfrage\u00a0(BGE 131 III 217, Erw\u00e4gung 3, S. 219). 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