{"id":4374,"date":"2024-06-29T10:08:56","date_gmt":"2024-06-29T08:08:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/?p=4374"},"modified":"2024-06-29T10:08:56","modified_gmt":"2024-06-29T08:08:56","slug":"keine-adhaesionsweise-geltendmachung-von-arbeitsvertraglichen-anspruechen-im-strafverfahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2024\/06\/29\/keine-adhaesionsweise-geltendmachung-von-arbeitsvertraglichen-anspruechen-im-strafverfahren\/","title":{"rendered":"Keine adh\u00e4sionsweise Geltendmachung von arbeitsvertraglichen Anspr\u00fcchen im Strafverfahren"},"content":{"rendered":"<p>Im Rahmen eines Strafverfahrens gegen eine Arbeitnehmerin (<a href=\"https:\/\/www.bger.ch\/ext\/eurospider\/live\/de\/php\/aza\/http\/index.php?highlight_docid=aza:\/\/25-04-2024-7B_36-2023&amp;lang=de&amp;zoom=&amp;type=show_document\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">BGer 7B_36\/2023 vom 25. April 2024<\/a>) wollte einer Arbeitgeberin auch zivilrechtliche Anspr\u00fcche adh\u00e4sionsweise geltend machen. Diesem Entscheid lag der folgende Sachverhalt zugrunde:<\/p>\n<p>Die A. AG (Arbeitgeberin) ist ein Hausverwaltungsunternehmen mit Sitz in Z\u00fcrich und mehreren Zweigniederlassungen. Die Ehegatten B. waren beide bei der A. AG in einem Vollpensum angestellt: die Ehefrau C.B. als Reinigungsmitarbeiterin auf dem Objekt \u201eU. \u201c in V., der Ehemann B.B. als Objekt-Manager im Bereich der Spezialreinigungen.<\/p>\n<p>Mit Eingabe vom 31. Oktober 2019 reichte die A. AG bei der Staatsanwaltschaft Baden Strafanzeige gegen die Ehegatten B. wegen Betrugs, eventualiter betr\u00fcgerischen Missbrauchs einer Datenverarbeitungsanlage etc. ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Adh\u00e4sionsweise Geltendmachung von Anspr\u00fcchen in Strafverfahren<\/h3>\n<p>Das Adh\u00e4sionsverfahren wird auch als <strong>Zivilklage im Strafverfahren<\/strong> bezeichnet. Dieses Verfahren erlaubt es einem Opfer einer Straftat, zivilrechtliche Anspr\u00fcche, wie Schadensersatz oder Schmerzensgeld, direkt im Rahmen des Strafverfahrens geltend zu machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Ziele und Vorteile<\/h4>\n<ul>\n<li><strong>Effizienz<\/strong>: Zivilrechtliche Anspr\u00fcche k\u00f6nnen zusammen mit dem Strafverfahren verhandelt werden, was Zeit und Kosten spart.<\/li>\n<li><strong>Erleichterte Beweiserhebung<\/strong>: Die im Strafverfahren gewonnenen Beweise k\u00f6nnen auch f\u00fcr die Zivilklage verwendet werden.<\/li>\n<li><strong>Verfahrens\u00f6konomie<\/strong>: Es verhindert parallele Verfahren und entlastet die Justiz.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Beispiel<\/h4>\n<p>Nehmen wir an, jemand wird Opfer eines Betrugs. Der Gesch\u00e4digte kann sich im Strafverfahren als Privatkl\u00e4ger anschlie\u00dfen und gleichzeitig seine finanziellen Anspr\u00fcche geltend machen. Das Strafgericht kann dann nicht nur \u00fcber die strafrechtliche Schuld des T\u00e4ters entscheiden, sondern auch festlegen, dass dieser den Schaden ersetzen muss. Wenn das Gericht der Meinung ist, dass die zivilrechtliche Frage zu komplex ist, kann es den Gesch\u00e4digten auf den ordentlichen Zivilweg verweisen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><a href=\"https:\/\/www.bger.ch\/ext\/eurospider\/live\/de\/php\/aza\/http\/index.php?highlight_docid=aza:\/\/25-04-2024-7B_36-2023&amp;lang=de&amp;zoom=&amp;type=show_document\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Entscheid 7B_36\/2023 vom 25. April 2024<\/a><\/h3>\n<p>Im Entscheid <a href=\"https:\/\/www.bger.ch\/ext\/eurospider\/live\/de\/php\/aza\/http\/index.php?highlight_docid=aza:\/\/25-04-2024-7B_36-2023&amp;lang=de&amp;zoom=&amp;type=show_document\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">7B_36\/2023\u00a0vom 25. April 2024<\/a> hatte sich das Bundesgericht mit der Frage zu befassen, ob auch Anspr\u00fcche, die auf einem Vertrag beruhen, mittels im Strafverfahren adh\u00e4sionsweise erhobener Zivilklage geltend gemacht werden k\u00f6nnen, was es verneinte:<\/p>\n<p><em>Die im Strafverfahren gestellten Zivilforderungen (Schadenersatz, Genugtuung) st\u00fctzen sich meist auf den Rechtstitel der unerlaubten Handlung (Art. 41 ff. und 47 f. OR;\u00a0Art. 58 und 62 SVG). Weitere m\u00f6gliche Anspruchsgrundlagen sind die Pers\u00f6nlichkeitsrechte (Art. 28 ff. ZGB), die Eigentums- (Art. 641 ZGB) und Besitzesrechte (Art. 927, 928 und 934 ZGB) oder auch\u00a0Art. 9 und 23 UWG\u00a0(<a href=\"https:\/\/www.bger.ch\/ext\/eurospider\/live\/de\/php\/aza\/http\/index.php?lang=de&amp;type=show_document&amp;page=1&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F148-IV-432%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page432\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">BGE 148 IV 432<\/a>\u00a0E. 3.1.3 mit Hinweisen). Zivilanspr\u00fcche, die auf einem Vertrag beruhen, k\u00f6nnen hingegen nicht Gegenstand einer adh\u00e4sionsweise erhobenen Zivilklage im Strafverfahren sein. Denn soweit jemand einen vertraglichen Anspruch besitzt, ist er nicht gesch\u00e4digte Person (Art. 115 Abs. 1 StPO), weil sich die Forderung nicht auf eine unmittelbar durch die Straftat verursachte Verletzung von Rechten st\u00fctzt (<a href=\"https:\/\/www.bger.ch\/ext\/eurospider\/live\/de\/php\/aza\/http\/index.php?lang=de&amp;type=show_document&amp;page=1&amp;from_date=&amp;to_date=&amp;sort=relevance&amp;insertion_date=&amp;top_subcollection_aza=all&amp;query_words=&amp;rank=0&amp;azaclir=aza&amp;highlight_docid=atf%3A%2F%2F148-IV-432%3Ade&amp;number_of_ranks=0#page432\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">BGE 148 IV 432<\/a>\u00a0E. 3.2 und 3.3; Urteile 6B_57\/2021 vom 27. April 2023 E. 4.2.2; 6B_602\/2020 vom 29. M\u00e4rz 2023 E. 3.1).\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Mit Bezug auf den konkreten Sachverhalt f\u00fchrte das Bundesgericht das Folgende aus:<\/h4>\n<p><em>1.2.\u00a0Zwischen der Beschwerdef\u00fchrerin und der Beschwerdegegnerin 2 besteht ein Arbeitsvertrag. Die Beschwerdef\u00fchrerin macht geltend, sie habe der Beschwerdegegnerin 2 den Lohn &#8222;voll ausbezahlt&#8220;, obwohl diese &#8222;ihrer Arbeitspflicht nicht entsprechend nachgekommen sein&#8220; k\u00f6nne und &#8222;ihre Aufgaben im Objekt &#8218;U.________&#8216; zur Verschleierung ihrer Unt\u00e4tigkeit teils durch andere Personen erledigt&#8220; worden seien. &#8222;Durch den zu viel ausbezahlten Lohn&#8220; sei der Beschwerdef\u00fchrerin ein Schaden entstanden. \u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Ob der angeblich zu viel bezahlte Lohn einen Schaden (damnum emergens) im haftpflichtrechtlichen Sinne darstellt, kann dahingestellt bleiben. Jedenfalls handelt es sich beim geltend gemachten Zivilanspruch um einen solchen aus Arbeitsvertrag, der nicht Gegenstand einer Adh\u00e4sionsklage im Strafprozess sein kann. Nach der Rechtsprechung (oben E. 1.1 in fine) ist jemand, der einen vertraglichen Anspruch besitzt, nicht gesch\u00e4digte Person (Art. 115 Abs. 1 StPO), weil sich die Forderung nicht auf eine unmittelbar durch die Straftat verursachte Verletzung von Rechten st\u00fctzt. [\u2026].<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Autor:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/person\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nicolas Facincani<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Weitere umfassende Informationen zum Arbeitsrecht finden Sie\u00a0<a href=\"https:\/\/www.exlibris.ch\/de\/buecher-buch\/deutschsprachige-buecher\/boris-etter\/arbeitsvertrag\/id\/9783727235108\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>hier<\/strong><\/a>.<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Umfassende Informationen zum Gleichstellungsrecht finden Sie\u00a0<a href=\"https:\/\/www.exlibris.ch\/de\/buecher-buch\/deutschsprachige-buecher\/gleichstellungsgesetz-glg\/id\/9783727222047\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>hier<\/strong><\/a>.<\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen eines Strafverfahrens gegen eine Arbeitnehmerin (BGer 7B_36\/2023 vom 25. April 2024) wollte einer Arbeitgeberin auch zivilrechtliche Anspr\u00fcche adh\u00e4sionsweise geltend machen. 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