{"id":4949,"date":"2026-02-08T20:17:25","date_gmt":"2026-02-08T19:17:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/?p=4949"},"modified":"2026-02-08T20:17:25","modified_gmt":"2026-02-08T19:17:25","slug":"unklarer-stellenantritt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2026\/02\/08\/unklarer-stellenantritt\/","title":{"rendered":"Unklarer Stellenantritt"},"content":{"rendered":"<p>Mit <a href=\"http:\/\/chrome-extension:\/\/efaidnbmnnnibpcajpcglclefindmkaj\/https:\/\/www.gerichte-zh.ch\/fileadmin\/user_upload\/entscheide\/oeffentlich\/LA250001-O2.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Entscheid LA250001 vom 30. September 2025<\/a> hatte sich das Obergericht des Kantons Z\u00fcrich vertieft mit der Frage auseinanderzusetzen, unter welchen Voraussetzungen T\u00e4tigkeiten vor dem vertraglich vereinbarten Stellenantritt ein Arbeitsverh\u00e4ltnis oder ein faktisches Arbeitsverh\u00e4ltnis begr\u00fcnden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Sachverhalt<\/h3>\n<p>Die Kl\u00e4gerin (Arbeitnehmerin) war gem\u00e4ss schriftlichem Arbeitsvertrag ab 1. September 2018 als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin bei der Beklagten angestellt. Bereits in den Monaten Juni und Juli 2018 hatte sie jedoch an Bewerbungsgespr\u00e4chen f\u00fcr eine ihr k\u00fcnftig unterstellte Funktion (\u201eLeitung Administration und HR\u201c) teilgenommen, Bewerbungsdossiers gepr\u00fcft und sich mit internen Abl\u00e4ufen vertraut gemacht.<\/p>\n<p>Nach der sp\u00e4teren K\u00fcndigung w\u00e4hrend der Probezeit machte die Kl\u00e4gerin geltend, das Arbeitsverh\u00e4ltnis habe bereits im Juni 2018 begonnen. Eventualiter sei zumindest ein faktisches Arbeitsverh\u00e4ltnis entstanden. Daraus leitete sie Lohn-, Spesen- sowie weitere Anspr\u00fcche ab und stellte sich zudem auf den Standpunkt, die Probezeit habe entsprechend fr\u00fcher zu laufen begonnen. Zudem machte sie geltend, die K\u00fcndigung sei missbr\u00e4uchlich gewesen.<\/p>\n<p>Die Vorinstanz hatte s\u00e4mtliche Begehren abgewiesen. Das Obergericht Z\u00fcrich wies die Berufung ab und best\u00e4tigte den erstinstanzlichen Entscheid vollumf\u00e4nglich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Kein Zustandekommen eines Arbeitsvertrags<\/h3>\n<p>Das Obergericht hielt fest, dass die Vorinstanz die rechtlichen Kriterien f\u00fcr das Zustandekommen eines Arbeitsvertrags nach Art. 319 OR zutreffend dargestellt habe.<\/p>\n<p>Entscheidend sei, dass ein Arbeitsvertrag insbesondere voraussetze:<\/p>\n<ul>\n<li>eine Arbeitsleistung,<\/li>\n<li>die Entgeltlichkeit,<\/li>\n<li>eine gewisse Dauer,<\/li>\n<li>sowie vor allem die pers\u00f6nliche Abh\u00e4ngigkeit in Form der Weisungsgebundenheit.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Nach Auffassung des Obergerichts sei es der Kl\u00e4gerin nicht gelungen, darzutun oder zu beweisen, dass diese Voraussetzungen bereits im Juni oder Juli 2018 erf\u00fcllt gewesen seien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Einbezug in den Bewerbungsprozess auf eigenen Wunsch<\/h3>\n<p>Zentral war die Frage, auf wessen Initiative die Kl\u00e4gerin in den Bewerbungsprozess einbezogen worden war.<\/p>\n<p>Das Obergericht ging \u2013 in \u00dcbereinstimmung mit der Vorinstanz \u2013 davon aus, dass die Beklagte unbestritten behauptet habe, die Kl\u00e4gerin sei auf eigenen Wunsch in den Rekrutierungsprozess eingebunden worden. Die Kl\u00e4gerin habe nicht substanziiert dargelegt, wo sie diese Darstellung rechtzeitig bestritten haben wolle.<\/p>\n<p>Die von der Kl\u00e4gerin angerufene E-Mail vom 5. Juni 2018 enthalte nach Ansicht des Obergerichts keine Weisung, sondern setze vielmehr voraus, dass die Teilnahme der Kl\u00e4gerin bereits zuvor thematisiert worden sei. Aus dem E-Mail-Verkehr lasse sich nicht ableiten, dass die Initiative zwingend von der Beklagten ausgegangen sei.<\/p>\n<p>Das Obergericht hielt erg\u00e4nzend fest, dass \u2013 selbst wenn die Beklagte ein Interesse an der Mitwirkung der Kl\u00e4gerin gehabt habe \u2013 dies nicht entscheidend sei. Massgeblich sei nicht das Interesse, sondern wer den Wunsch nach der Leistungserbringung ge\u00e4ussert habe und ob diese auf Weisung erfolgt sei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Keine Weisungsgebundenheit<\/h3>\n<p>Das Obergericht pr\u00fcfte sodann ausf\u00fchrlich das zentrale Merkmal der Weisungsgebundenheit.<\/p>\n<p>Es hielt fest, dass sich aus der gesamten E-Mail-Korrespondenz keine Weisung ableiten lasse, wonach die Kl\u00e4gerin verpflichtet gewesen w\u00e4re,<\/p>\n<ul>\n<li>an Bewerbungsgespr\u00e4chen teilzunehmen,<\/li>\n<li>Bewerbungsunterlagen zu pr\u00fcfen,<\/li>\n<li>oder den Rekrutierungsprozess zu f\u00fchren.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Formulierungen wie \u201ewenn Sie dies m\u00f6chten\u201c oder \u201emeine Idee w\u00e4re\u201c spr\u00e4chen klar gegen eine Aus\u00fcbung von Weisungsgewalt. Die Kl\u00e4gerin habe Termine frei w\u00e4hlen oder eine Teilnahme auch ablehnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auch aus der Tatsache, dass die Kl\u00e4gerin als \u201eGesch\u00e4ftsf\u00fchrerin in spe\u201c aufgetreten sei, folge keine Weisungsunterstellung. Das Obergericht stellte klar, dass dies lediglich bedeute, dass die Kl\u00e4gerin die Funktion zu diesem Zeitpunkt noch nicht innehatte, nicht aber, dass sie bereits in einer arbeitsvertraglichen Unterordnung gestanden habe.<\/p>\n<p>Ebenso wenig liess sich aus der Weiterleitung von Bewerbungsunterlagen oder der Einr\u00e4umung einer Mitentscheidungsbefugnis eine Weisungsgebundenheit ableiten. Eine Entscheidkompetenz stelle gerade keine Weisung dar, sondern spreche im Gegenteil gegen eine pers\u00f6nliche Subordination.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Keine Vorverlegung des Stellenantritts<\/h3>\n<p>Auch eine Vorverlegung des Vertragsbeginns verneinte das Obergericht.<\/p>\n<p>Es stellte fest, dass die Kl\u00e4gerin im Juni und Juli 2018 lediglich einen geringf\u00fcgigen Teil der in der Funktionsbeschreibung vorgesehenen Aufgaben einer Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin wahrgenommen habe. Weder sei eine Co-Gesch\u00e4ftsleitung behauptet worden, noch habe die Kl\u00e4gerin ihre Funktion insgesamt vorzeitig \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>Mangels faktischen Arbeitsverh\u00e4ltnisses k\u00f6nne auch nicht von einer konkludenten Vorverschiebung des Stellenantritts ausgegangen werden. Das Arbeitsverh\u00e4ltnis habe somit \u2013 wie schriftlich vereinbart \u2013 erst am 1. September 2018 begonnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>K\u00fcndigung w\u00e4hrend der Probezeit<\/h3>\n<p>Da kein Arbeitsverh\u00e4ltnis vor dem 1. September 2018 bestanden habe, best\u00e4tigte das Obergericht, dass:<\/p>\n<ul>\n<li>die (im konkreten Fall anwendbare) dreimonatige Probezeit am 1. September 2018 begonnen habe,<\/li>\n<li>und die K\u00fcndigung vom 2. November 2018 w\u00e4hrend der Probezeit erfolgt sei.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das Gericht f\u00fchrte aus, dass der sachliche K\u00fcndigungsschutz grunds\u00e4tzlich auch w\u00e4hrend der Probezeit gelte, jedoch eingeschr\u00e4nkt durch deren Zweck. Dieser bestehe im gegenseitigen Kennenlernen. K\u00fcndigungen, die auf dieser Grundlage erfolgten, seien selbst dann zul\u00e4ssig, wenn sie im Einzelfall als hart oder willk\u00fcrlich erscheinen m\u00f6gen. Eine missbr\u00e4uchliche K\u00fcndigung im Sinne von Art. 336 OR liege unter diesen Umst\u00e4nden nicht vor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Fazit und praktische Bedeutung<\/h3>\n<p>Der Entscheid LA250001 verdeutlichte eindr\u00fccklich:<\/p>\n<ul>\n<li>Mitarbeit vor Stellenantritt f\u00fchrt nicht automatisch zu einem Arbeitsverh\u00e4ltnis.<\/li>\n<li>Ohne Weisungsgebundenheit, klare Lohnabrede und Subordination bleiben solche T\u00e4tigkeiten rechtlich unverbindlich.<\/li>\n<li>Auch ein erheblicher pers\u00f6nlicher Einsatz begr\u00fcndet keinen Anspruch, wenn er freiwillig erfolgt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Weitere Beitr\u00e4ge zur Auslegung\/Qualifikation von Vertr\u00e4gen und Erkl\u00e4rungen:<\/h3>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2019\/06\/13\/angestellt-oder-nicht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Angestellt oder nicht?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2019\/06\/21\/der-ceo-ohne-arbeitsvertrag\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der CEO ohne Arbeitsvertrag<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2019\/10\/13\/unterrichtsvertrag-oderarbeitsvertrag\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Unterrichtsvertrag oder Arbeitsvertrag?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2019\/12\/21\/beratungsvertrag-mit-einmann-ag-als-arbeitsverhaeltnis\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eBeratungsvertrag\u201c mit Einmann-AG als Arbeitsverh\u00e4ltnis<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2019\/10\/13\/unterrichtsvertrag-oderarbeitsvertrag\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Unterrichtsvertrag oder Arbeitsvertrag?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2020\/09\/16\/abgrenzung-des-arbeitsvertrages-vom-auftrag\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Abgrenzung des\u00a0Arbeitsvertrages vom Auftrag<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2021\/01\/30\/arbeitsvertrag-oder-nicht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Arbeitsvertrag oder nicht?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2022\/01\/06\/sozialversicherungsgericht-zuerich-uber-fahrer-sind-unselbstaendige\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sozialversicherungsgericht Z\u00fcrich: Uber-Fahrer sind Unselbst\u00e4ndige<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2022\/03\/18\/qualifikationsmerkmale-des-arbeitsvertrags\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Qualifikationsmerkmale des Arbeitsvertrages<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2023\/12\/14\/qualifikation-des-vertrages-fuer-honorarbezueger\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Qualifikation des Vertrages f\u00fcr Honorarbez\u00fcger<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2024\/02\/08\/wann-qualifiziert-ein-vertrag-als-arbeitsvertrag\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wann qualifiziert ein Vertrag als Arbeitsvertrag<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2024\/11\/21\/die-angestellte-dentalhygienikerin\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die angestellte Dentalhygienikerin<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2024\/12\/08\/vertragsauslegung-unbeachtlichkeit-eines-freiwilligkeitsvorbehalts\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vertragsauslegung: Unbeachtlichkeit eines Freiwilligkeitsvorbehalts?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/2025\/04\/18\/einbezug-und-auslegung-allgemeiner-anstellungsbedingungen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Einbezug und Auslegung allgemeiner Arbeitsbedigungen<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Autor:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.arbeitsrecht-aktuell.ch\/de\/person\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nicolas Facincani<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4><\/h4>\n<h4>Weitere umfassende Informationen zum Arbeitsrecht finden Sie\u00a0<a href=\"https:\/\/www.exlibris.ch\/de\/buecher-buch\/deutschsprachige-buecher\/boris-etter\/arbeitsvertrag\/id\/9783727235108\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>hier<\/strong><\/a>.<\/h4>\n<h4><\/h4>\n<h4>Umfassende Informationen zum Gleichstellungsgesetz finden Sie\u00a0<a href=\"https:\/\/www.exlibris.ch\/de\/buecher-buch\/deutschsprachige-buecher\/gleichstellungsgesetz-glg\/id\/9783727222047\/?gclid=EAIaIQobChMIwJjxxde_-gIVkxCLCh2I2wT0EAQYASABEgI08vD_BwE&amp;gclsrc=aw.ds\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>hier<\/strong><\/a>.<\/h4>\n<h4><\/h4>\n<h4>Oder folgen Sie uns auf\u00a0<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/@ArbeitsrechtAktuell007\"><strong>YouTube<\/strong>.<\/a><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Entscheid LA250001 vom 30. 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